Freitag, 24. März 2017

Argumente für JüL 1/2/3

Ab dem Schuljahr 2006/2007 müssen alle Berliner Grundschulen in der "flexiblen Schulanfangsphase" altersheterogene Gruppen mit einer Mischung aus den Jahrgangsstufen 1 und 2 einrichten. Einige Schulen sehen darin einen Fortschritt und freuen sich bereits darauf, andere Schulen wiederum äußern Bedenken oder Unsicherheiten bezüglich der praktischen Umsetzung. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind es gewöhnt, in altershomogenen Gruppen zu unterrichten, die Jahrgangsmischung ist ihnen fremd. Allein dieser Umstand wirft viele Fragen auf.

Und jetzt kommen wir - die "Experten" in Fragen Altersmischung - daher und sagen: Wenn ihr schon zwei Jahrgänge mischen müsst, dann raten wir euch: Mischt besser gleich drei Jahrgänge, also 1.,2 .und 3. Jahrgangsstufe. Die Jahrgangsmischung 1 und 2 greift zu kurz, erst bei einer Dreiermischung kommen die positiven Aspekte der Altersmischung richtig zum Tragen. Es ist unserer Meinung und Erfahrung nach ein Irrtum zu denken, die Mischung von nur 2 Jahrgängen sei einfacher, übersichtlicher und für den Anfang reiche sie aus. Wir meinen: Die Jahrgangsmischung 1/2/3 ist besser, weil sinnvoller und tragfähiger und letztlich im Schulalltag leichter für alle, auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Diese Behauptung wollen wir im Folgenden begründen.

Für eine Mischung von 3 Jahrgängen spricht grundsätzlich:

  1. Die Rollenvielfalt:
    • In der Lerngruppe entsteht eine "Geschwisterstruktur", die besonders für Einzelkinder positiv ist. Sie erleben sowohl ältere als auch jüngere Kinder.
    • Kinder mit Geschwistern erleben sich - anders als in der Familie – immer wieder in neuen Rollen.
    • In einer Mischung von 3 Jahrgängen erleben sich die Kinder als Lehrling, Geselle und Meister. Alle drei Rollen sollen erfahren werden.
    • Die mehrfachen Rollenwechsel innerhalb der Lerngruppe führen zum Wechsel der Perspektive und des Verhaltens.
  2. Das Helfen lernen:
    • Das soziale Miteinander der Schüler ist vielfältiger und lebendiger.
    • Besonders hilfsbedürftig sind immer die Neuen. Das ist ganz normal. Für sie steht eine große Anzahl von Helfern bereit, nicht nur die Lehrerin oder der Lehrer.
    • Die Hilfestellungen der Schüler untereinander sind nicht nur zahlreicher, sondern auch unterschiedlicher. Es gibt viele Arten von Hilfen.
    • Die Hilfe eines deutlich älteren Schülers ist selbstverständlicher; sie anzunehmen, ist für manche Kinder leichter als von Gleichaltrigen bzw. nur wenig älteren.
    • Die Hilfe eines deutlich älteren Schülers ist oft Hilfe zur Selbsthilfe, respektiert eher den Wunsch: Hilf mir, es selbst zu tun.
    • Die Hilfe eines weniger älteren Schülers ist oft pragmatisch. Z.B. hilft er, damit eine Arbeit endlich fertig wird.
  3. Mehr Konstanz:
    • Die aus drei Jahrgängen bestehende Lerngruppe arbeitet konstanter, denn 2/3 der Gruppe bleiben immer bestehen. Es gibt dadurch mehr Lernerfahrene/Vorbilder.
    • Rituale und Arbeitstechniken werden von 2/3 der Gruppe weitergegeben.
    • Der Anteil der "Neuen" umfasst nur 1/3 und nicht die Hälfte.
    • Das Überspringen einer Klassenstufe und auch das "Verweilen" sind unproblematischer und können vorher über einen längeren Zeitraum ausprobiert werden (auch in Teilbereichen).
  4. Weniger Wechsel:
    • In einer Mischung von nur zwei Jahrgängen gibt es schon nach zwei Jahren neue Räume, neues Unterrichtsmaterial und neue Lehrkräfte, das ist sehr viel Veränderung in kurzer Zeit.
    • Es gibt also bereits nach 2 Jahren zahlreiche "Brüche", besonders wenn danach in Jahrgangsklassen weiter gearbeitet wird.
    • Eine eventuelle Umstellung auf ein anderes Unterrichtsprinzip oder andere Arbeitstechniken ist für die Kinder nach 3 Jahren Schulerfahrung einfacher.
  5. Das höhere Niveau:
    • Die Lernmaterialien umfassen ein Angebot für mindestens 3 Jahrgänge. Dadurch gibt es mehr Auswahlmöglichkeiten. Das Lernangebot ist vielfältiger, interessanter und anspruchsvoller.
    • Die Spanne der Differenzierung ist größer und nicht reduziert auf "leicht oder schwer".
    • In einigen Lernbereichen können Kinder schon weit voranschreiten, während sie in anderen altersgerecht arbeiten.
    • Besonders das sachorientierte Arbeiten kann anspruchsvoller werden und sich nach oben orientieren.
    • Arbeitstechniken vermitteln sich durch Anschauung an die jüngeren Schüler.

Für die Mischung von 3 Jahrgängen bezogen auf die Lerninhalte spricht:

  1. Im Lernbereich Sprache:
    • Die Drittklässler zeigen in ihrer Arbeit, wozu Lesen und Schreiben nötig sind.
    • Sie wenden erlernte Techniken an und lassen dadurch erkennen, welchen Sinn das Lesen- und Schreibenlernen hat.
    • Ohne die Drittklässler gibt es den Brückenschlag zur selbstverständlichen Anwendung der Schriftsprache nur durch den Erwachsenen.
    • Für die Lese- und Schreibanfänger zeigen die Zweitklässler den Weg und die Drittklässler das Ziel des Lernprozesses.
  2. Im Lernbereich Mathematik:
    • Kleine Kinder lieben große Zahlen: Sie erleben das Rechnen im größeren Zahlbereich durch Beobachtung und Spiel.
    • Sie sehen bei den Zweitklässlern die ersten Schritte mit dem Einmaleins und bei den Drittklässlern das Rechnen im Tausenderbereich.
    • Meist sind es die Drittklässler, die ihre Rechenfertigkeiten in Sachzusammenhängen anwenden oder schriftliche Rechenverfahren beherrschen.
    • Die Entwicklung des Zahlbegriffs und der Erwerb der Rechenoperationen fließen wieder zusammen in der 3. Klasse beim Erlernen der schriftlichen Rechenverfahren.
    • Der Kreis mathematischer Fähigkeiten schließt sich so in der 3. Klasse und jedes Kind kann seinen individuellen Weg dorthin gehen.
  3. Im Lernbereich Sachkunde:
    • Die Drittklässler ermöglichen durch ihre Lesekompetenz die Arbeit mit Sachliteratur auf einem höheren Niveau.
    • Die schriftlichen Arbeiten zu einem Sachthema können durch die Drittklässler anspruchsvoller gestaltet werden.
    • Erstklässler fragen eher: Warum/Wieso ist das so? Z.B. "Warum gibt es Ebbe und Flut?"
    • Drittklässler wollen eher wissen, wie das funktioniert. Z.B. "Wie schafft das der Mond?"
    • Diese Kombination von Seinsfragen und Wissensfragen schafft ein positives Spannungsfeld, in dem die Zweitklässler ihrer Entwicklung entsprechend einen Platz finden.
  4. In den Lernbereichen Englisch und Schwimmen:
    • Erst- und Zweitklässler erleben diese neuen Lernbereiche schon im Vorgriff durch Beobachtung und Nachfragen.

Vorteile einer Mischung - bezogen auf die drei Jahrgänge - sind:

  1. Für die Erstklässler:
    • Für 5 ½ jährige Schulanfänger (ängstlich, unsicher, neugierig, mutig fordernd,...) ist es wichtig, mit Anteilnahme und offenen Armen aufgenommen zu werden. Dafür stehen 2/3 der Klasse bereit.
    • Die Erstklässler finden 2/3 Ansprechpartner für die Fragen des Schulalltags (Wo finde ich meinen verlorenen Turnbeutel wieder?).
    • Die Erstklässler finden im besten Fall 2/3 Vorbilder, die ihnen Regeln und Rituale vorleben.
    • Die Drittklässler haben den nötigen Abstand, um ihre eigenen ersten Schritte zu erinnern und das richtige Maß an Mitgefühl zu finden (Empathie).
    • Die Kompetenzen der Drittklässler erzeugen in der Regel weder Druck noch Angst, denn die Großen sind deutlich älter und länger dabei.
    • In zwei Jahren auch so viel zu können, scheint ein erreichbares Ziel für die Kleinen und motiviert.
  2. Für die Zweitklässler:
    • Die Kleinen kommen, aber als Zweitklässler muss man nicht sofort zu den Großen gehören und scheinbar alles wissen und können. Es gibt ja noch die Drittklässler.
    • Die Kleinen kommen, aber als Zweitklässler muss man nicht mit ihnen mithalten und wieder zum Anfänger werden (retardieren). Die Drittklässler mahnen und verhindern Rückschritte.
    • Als Zweitklässler kann man sich je nach Entwicklungsstand nach oben orientieren, aber auch mal nach unten (z.B. Lesekompetenz).
  3. Für die Drittklässler:
    • Alle Drittklässler, auch die eher leistungsschwachen Schüler können ihre sozialen Kompetenzen zeigen und ernten Freude und Anerkennung.
    • Alle Drittklässler können ihre unterschiedlichen Fachkompetenzen in konkreten Situationen zeigen und ernten dafür echte Bewunderung und Anerkennung von den Jüngeren (nicht nur von der Lehrerin).
    • Drittklässler lassen sich von der Begeisterung und Unbefangenheit der Erstklässler anstecken.
    • Sie beteiligen sich mit kindlicher Freude an Spielen, Tänzen, Liedern, etc., die im Jahrgangs-Klassenverband manchmal "unter ihrer Würde" wären.
    • Emotionalität und Nähe dürfen gezeigt werden im Kontakt mit jüngeren Kindern. Man muss nicht dauernd "cool" sein.
    • Probleme der beginnenden Pubertät (Unsicherheit, Rückzug, Angeberei...) werden durch das Zusammenleben mit den Kleinen abgeschwächt.
  4. Für die LehrerInnen
    • In der Lerngruppe sind nur 1/3 Schulanfänger und nicht die Hälfte.
    • Von Anfang an tragen die mehrheitlich älteren Schüler einen Teil der Verantwortung gegenüber den jüngeren.
    • Die Schulanfänger haben neben der Lehrerin und dem Lehrer viele weitere Ansprechpartner/Helfer.
    • Es gibt deutlich weniger Ansprachen an die Lehrkraft.
    • Die Lerngruppe ist schneller arbeitsfähig (meist schon nach den Herbstferien), da sich die Neuen schneller integrieren.
    • Die Drittklässler sind eine große Unterstützung, eben die "richtigen Schulkinder".
    • Der Unterricht ist interessanter durch die größere Vielfalt.
    • Unterrichtsgespräche bekommen ein anderes Niveau und vielfältigere Aspekte durch die größere Altersspanne.

Bei so vielen Vorteilen der Mischung von drei Jahrgängen muss jedoch auch gesagt werden, dass der Aufbau dieser jahrgangsgemischten Lerngruppe zunächst erst mal sehr arbeitsintensiv ist. Kollegiale Zusammenarbeit/Teamarbeit ist hier als Entlastung besonders hilfreich. Nicht nur Materialsichtung, Aussortieren und Neuerstellen sondern auch die Planung besonders der ersten Schritte gehen nicht im Alleingang. Dennoch lohnt sich der Arbeitseinsatz, denn die jahrgangsgemischte Lerngruppe entlastet auf Dauer die Lehrkraft. Schon beim zweiten Durchlauf trägt die viele Arbeit Früchte und die erste Ernte kann eingefahren werden.

Also – nur Mut!