Mittwoch, 28. Juni 2017
        Zurück zur Hauptseite...

3. Platz des Kurzgeschichtenwettbewerbs an der Fritz-Karsen-Schule
Atemlos von Annie Heilmann, 8.5

Die Straße unter meinen Füßen ist nass vom Regen. Sind hinter mir etwa die Geräusche von Absätzen auf dem Gehweg zu hören oder ist es das Echo meiner eigenen eiligen Schritte? Das Licht der Laterne flackert und ich bete, dass es nicht den Geist aufgibt. Ich blicke über meine Schulter. Nichts. Oder doch?

Von den baufälligen Häusern, die die Straße säumen, blättert schon der Putz von den Fassaden. Steht dort im Hauseingang jemand und beobachtet mich und sieht dieser Schatten nicht verdächtig wie eine breitschultrige Gestalt aus? Ein Schauer rieselt über meinen Rücken und ich ziehe meinen Mantel enger um die Schultern. Bloß nicht rennen, Maggie, nur nicht anfangen zu rennen. Wenn wirklich jemand hinter mir her ist, würde ihn das nur noch mehr reizen mir zu folgen. Nicht rennen, nur nicht rennen, nur nicht rennen, wiederhole ich immer wieder in meinem Kopf. Auf einmal kommen mir die unwichtigsten Gedanken. Habe ich den Geschirrspüler ausgeräumt? Meinen Kanarienvogel gefüttert? Und vor allem: Diese Schuhe passen überhaupt nicht zu dem Rock, für den ich mich heute Morgen entschied. Mir ist so, als hörte ich das Rascheln von Kleidung hinter mir, doch ehe ich mich umdrehen kann, spüre ich warmen Atem im Nacken. Jetzt kann ich nicht mehr an mich halten und sprinte los.

Ich schrecke aus dem Schlaf. Durch den kalten Schweiß klebt mein Pyjama wie eine zweite Haut an mir. Meine steifen Glieder müssen gezwungen werden, sich zu bewegen. Ich stelle mich unter die Dusche. Das heiße Wasser hilft mir, meine Gedanken zu ordnen. Es war alles nur ein Traum, beruhige ich mich. Ich bleibe noch eine Weile unter dem Wasserstrahl. Dann trockne ich mich ab und schlüpfe in meinen Lieblingsbademantel aus grünem Frottee, der sich schön weich anfühlt und wunderbar zu meinen Augen passt. Mir ist angenehm warm, bis Willi, mein Kanarienvogel, laut anfängt zu zwitschern. Auf einmal ist mir eiskalt und ich lausche. So laut ist er nur, wenn ihn etwas aufregt. In meinem Schlafzimmer ist es dunkel. Um etwas sehen zu können, suche ich den Lichtschalter, finde ihn aber nicht. Langsam und vorsichtig taste ich mich an der Wand entlang und finde die Tür. So leise wie möglich drücke ich die Klinke herunter und mache einen Schritt in den Flur. Plötzlich geht das Licht an. Ich muss blinzeln, um meine Augen vor der unerwarteten Helligkeit zu schützen. Vor mir stehen alle meine Freunde und grinsen mich breit an. "ÜBERRASCHUNG UND ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG, MAGGIE!!!", rufen sie im Chor und stimmen Happy Birthday an. Erleichtert atme ich auf. Erst jetzt bemerke ich, dass ich die Luft angehalten habe.