Montag, 24. Juli 2017
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Siegertext des Kurzgeschichtenwettbewerbs an der Fritz-Karsen-Schule
Tagebuch eines Soldaten von Melina Bender, 11. Klasse

Jahr: 1946; Monat: unbekannt, aber es könnte August sein...; Tag: unbekannt.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist. Ich weiß es nicht, weil dieses Wissen nicht von Bedeutung ist. Es ist nicht wichtig. Nicht für mich. Nicht für die anderen. Für niemanden. Warum auch? Es bringt dir nichts, wenn du weißt, welcher Tag heute ist. Es lässt dich weder den nagenden Hunger vergessen, noch füllt es deinen Magen. Es lässt dich auch nicht die schneidende Kälte vergessen, die nachts unter deine Kleider kriecht, um sich in deine Knochen einzunisten. Es hilft dir nicht zu überleben. Also ist es unwichtig; es hat keine Bedeutung.

Das Überleben in den Trümmern des Krieges ist ein einziger Kampf. Ein Kampf, den ich nicht gewinnen kann. Den ich nicht gewinnen will. Denn ich bin müde zu kämpfen. Ich habe Kameraden – Freunde – an meiner Seite, in meinen Armen sterben sehen. Ich habe im Krieg gekämpft und verloren.
Ich habe alles verloren, was ich hatte. Wofür es sich zu kämpfen lohnte. Alles. Mir ist nichts ist geblieben. Bis auf die Gewissheit, dass es meine Schuld war. Mein Versagen.
Aus meiner Unfähigkeit heraus das Richtige zu tun mussten tausende von Menschen ihr Leben lassen. Diese Schuld lässt sich nicht abwaschen. Niemals. Sie wird für immer ein Teil von mir sein. Bis an mein Lebensende. Mit jedem Atemzug werde ich an diese Schuld erinnert. Muss mich an diese Schuld erinnern. Muss mich erinnern und bereuen. Das ist meine Qual. Mein Fluch. Mein Schicksal.
Das ist der Preis, den ein Soldat für sein Vaterland zahlen muss.

Ich wollte nicht kämpfen. Und doch tat ich es.

Heute ist so ein Tag, an dem einem die erbarmungslose Schuld vor Augen geführt wird. Heute ist so ein Tag, an dem die Überlebenden aus den Konzentrationslagern ankommen.
Sie sind kaum von anderen Flüchtlingen oder Gefangenen zu unterscheiden. Nur ihre Augen sind anders. Sie sind stumpf. Leer. Ausdruckslos.
Eine alte Legende erzählt, dass die Seele den Körper eines Menschen verlässt, wenn diesem zu viel Leid widerfährt. Sie verlässt den Körper, um an einen besseren Ort zu gelangen, wo ihr kein Schmerz mehr zugefügt werden kann. Der Körper jedoch bleibt zurück. Als leblose Hülle. Ohne Leben. Ohne Hoffnung.
Anhand ihrer Augen kannst du sie erkennen. Nur anhand ihrer Augen.
Denn ihre Augen zeigen den tiefsten Abgrund der Menschheit.