Donnerstag, 23. November 2017

Schulklasse der Fritz-Karsen-Schule verhindert Abschiebung einer Mitschülerin

Die Klasse 8.3 verhinderte im August 2004 gemeinsam mit ihren Mitschülern, Lehrerinnen und der Gesamtelternvertreterin durch ihren engagierten Einsatz und Protest in der Öffentlichkeit, die Abschiebung ihrer 13 jährigen bosnischen Mitschülerin Tanja Ristic und später auch ihres gleichaltrigen bosnischen Mitschülers Ivan Brzovic.

Sie erreichten durch ihre lautstarken und spontanen Proteste (u.a. durch eine Demonstration vor dem Neuköllner Rathaus, ein Gespräch mit dem Neuköllner Bürgermeister und Stadtrat vor laufender Kamera des RBB ("Berliner Abendschau") mit Hilfe der von ihnen eingeschalteten Medien (vor allem Presse, Rundfunk und Fernsehen) eine über den Fall Ristic hinausgehende breite Diskussion in der Berliner Öffentlichkeit und bewirkten bei den politisch Verantwortlichen im Berliner Senat Ausnahmeregelungen für Tanja und die Zusage des Innensenators in der Abendschau, zunächst von der Abschiebung langjährig hier lebender Flüchtlinge bis zum Inkrafttreten der Härtefallprüfungen nach dem neuen Ausländerrecht ab Januar 2005 abzusehen. Somit gelang ihnen nicht nur die Rettung zweier Mitschüler, sondern auch eine "entscheidende und nachhaltige Beeinflussung der Politik" mit demokratischen Mitteln. Dafür erhielt die Klasse 8.3 den Mete-Eksi-Preis der gemeinsam vom Türkischen Elternverein in Berlin und Brandenburg e.V. und der GEW - vereint im Mete-Eksi-Fonds e.V. - Berlin verliehen wird.

Mete-Eksi-Preis 2005 Fritz-Karsen-Schule Berlin

Wie und wann kam es dazu?

Am 2. Schultag nach den Sommerferien, dem 10. August 2004, holte die Sekretärin ohne Angaben von Gründen, Tanja Ristic mitten aus unserem Unterricht. Da dies zufällig während der "Klassenstunde" der 8.3 geschah, waren die gesamte Klasse und wir als Klassenlehrerinnen beide Zeuge von diesem uns zunächst unerklärlichen Vorgang. Zwei Kripobeamtlnnen warteten im Amtzimmer des Schulleiters, übrigens ohne dessen Wissen, auf Tanja mit dem Ziel sie zwecks Abschiebung mitnehmen. Sie erklärten, dass Tanjas Eltern und die 16jahrige Schwester Sanja, auch ehemalige Schülerin der Fritz-Karsen-Schule mit gutem Schulabschluss und einem Ausbildungsplatz an einer Fachoberschule, "bereits in Polizeigewahrsam zwecks sofortiger Abschiebung seien", allerdings vorher noch ein Gerichtstermin anstünde und deshalb große Eile geboten sei.

Erste Reaktionen

Die Klasse und wir Lehrerinnen waren wie gelähmt, und zunächst absolut hilflos. Die Mitschüler konnten sich nicht mehr von Tanja verabschieden und bevor sie begriffen hatten was geschah, war Tanja zu ihrer bereits inhaftierten Familie ins Abschiebegefängnis nach Köpenick gebracht worden.

Mete-Eksi-Preis 2005 Fritz-Karsen-Schule Berlin

Wer ist Tanja?

Tanja ist eine sehr leistungswillige, bestens integrierte Schülerin, die große Chancen hat bei gleich bleibendem Leistungsstand die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe am Ende der 10. Klasse zu erreichen. Trotz jahrelanger engster Wohnbedingungen in einer Neuköllner Einzimmerwohnung gelang es beiden Töchtern der Familie gute Leistungen zu erbringen, was für Neuköllner Schulen nichts Selbstverständliches ist. Sie ist zudem beliebt in der Klasse, hat viele Freunde und ist, da in Berlin aufgewachsen, eine Berlinerin, die einfach zu uns gehört.

Links
Hier geblieben! - Aktionsprogramm für das Bleiberecht von Kindern und Jugendlichen sowie deren Familien.
Artikel in der taz
Berliner Lehrerzeitung der GEW
Türkischen Elternverein in Berlin und Brandenburg e.V.