Dienstag, 25. April 2017

Neue Schule in Neukölln
Von Fritz Karsen

Für den Schulleiter ist es eine der interessantesten psychologischen Erfahrungen, wie wenig die Eltern sich vorstellen können, daß die Schule heute anders aussieht als zu ihrer Zeit. An alle technischen Errungenschaften unsrer Zeit haben sie sich gewöhnt, sie könnten ohne sie nicht existieren.

Nur die Schule lebt bloß als Erinnerungsbild bei ihnen, und es gibt in meinem Amtszimmer die köstlichsten Entrüstungen von Eltern, die nicht begreifen können, daß man keine Hausarbeiten aufgibt, die alle Schüler in gleicher Weise erledigen müssen, daß der Lehrer nicht am nächsten Tage mit dem Buch in der Hand kontrolliert und seine wichtigen Notizen einträgt, daß die Massenarbeiten nicht auf einen bestimmten Tag der Woche fallen und nicht vom Lehrer zensiert und von den Eltern unterschrieben werden müssen, daß am Ende gar die Zensuren einer freieren Form der Beurteilung weichen sollen und damit die Versetzungsmathematik erschwert wird. Was soll man denn nun eigentlich als Vater oder als Mutter machen? Man weiß ja nicht mehr, wie man dem Kind zu Hause helfen soll, wenn alles so fürchterlich verändert ist. Man weiß nicht einmal, ob das Kind ein mäßiger oder ein schlechter Schüler ist, wenn diese neumodische Form der Beurteilung einreißt. Da bleibt wirklich nur eins übrig, man geht selbst einmal in die Schule und sieht sich an, was da gearbeitet wird. Ja ist denn das erlaubt? War nicht bisher die Schule ein Heiligtum, in das kein Uneingeweihter hineingelassen wurde? Man scheut vor der Tür. Wird es wirklich keinen Aufstand geben mit Strammstehen und der üblichen Störung des Unterrichts? Man kommt hinein, etwas verlegen, und begreift schließlich, daß man sich auf einen leeren Stuhl setzen darf. Man sieht, daß diese Kinder, Jungens und Mädels, gar nicht in Reih und Glied aufstehen könnten; denn sie sitzen auf Stühlen und an Arbeitstischen, und sie haben eine wirkliche Beschäftigung, die sie mehr interessiert als der Mensch, der zur Tür hereinkommt und der früher jeder Klasse eine angenehme Abwechslung bedeutet hätte. Der nächste Blick sucht den Lehrer. Es ist keiner zu entdecken. Aber die Kinder arbeiten trotzdem. Sie hören dem Bericht eines Kameraden zu, sie lassen ihn ausreden, wenn es nicht gar zu lange dauert, und kritisieren ihn dann in einer leidenschaftlichen und doch ziemlich geordneten Weise. Schließlich entdeckt man auch den Lehrer, als er zum Schluß der Diskussion einige Anregungen gibt. Auch er kommt erst in der Reihenfolge der Wortmeldungen heran, ohne irgendeinen Vorrang zu beanspruchen.

Eine andre Klasse. Da wird überhaupt nicht geredet. An zusammengerückten Tischen sitzen die Schüler in Gruppen, vor ihnen liegt Arbeitsgerät, Nachschlagebücher und Spezialwerke, auch Zeichenmaterial der verschiedensten Art. Und in den Gruppen verhandeln die Schüler miteinander, und wieder bemerkt man das eigentümliche Interesse, mit dem jede Gruppe bei der Arbeit ist. Man sieht den Lehrer von Gruppe zu Gruppe laufen, gelegentlich wird er auch einmal gerufen, dann beantwortet er Fragen und hilft auch einmal weiter. Hat man Geduld, das Ende abzuwarten, dann sieht man, daß diese einzelnen Gruppen gar nicht getrennt arbeiten, sondern daß sie alle die Unterteile ein und derselben Aufgabe bearbeitet haben und nun zur Zusammenstellung und gegenseitigen Kontrolle ihrer Ergebnisse zusammentreten.

Eine dritte Klasse. Hier läßt man den Besucher auf einmal nicht gern hinein. Er erfährt, daß es sich um eine Klassenbesprechung handelt und daß hier Dinge verhandelt werden, die das Schicksal der Klasse sehr intim berühren. Aber hier möchte er nun grade dabei sein und bekommt schließlich auch die Genehmigung. Er stellt zunächst fest, daß hier sämtliche Lehrer der Klasse mit den Schülern zusammen sind. Die Schüler äußern sich über einen Lehrer, der neu in die Klasse gekommen ist und von den Gepflogenheiten dieser Schule noch keine Ahnung hat. Da wird mit einer unerhörten Offenheit jede Einzelheit aus seinem Unterricht hervorgeholt, da geht er mit derselben Offenheit gegen die Schüler an, die nach seiner Meinung nicht das richtige Betragen gezeigt haben, und gibt der Klasse die Schuld, daß nicht alles geklappt hat, wie es sollte. Schließlich kommt es zu einer vorläufigen Einigung. Man wird es noch einmal versuchen, vielleicht wird es bei beiderseitigem gutem Willen gut gehen, sonst, das sieht man, ist die Scheidung unvermeidlich.

Was man sich da abspielen sieht, kann wirklich nicht so "gemacht" werden, sondern hat Gründe, die nur der ernsthafte Mitarbeiter nach und nach begreift. Sie liegen einmal in dem Milieu, aus dem unsre Schüler stammen, ferner in einer straff durchgeführten Organisation, die jedoch auf kollektivistischen und nicht mehr auf individualistisch-autokratischen Prinzipien ruht. Wir haben fast nur Arbeiterkinder, die unbelastet von all den Kulturwerten zu uns kommen, an die die bürgerlich-anständige Familie glaubt oder zu glauben vorgibt. Kulturwert ist und hat für sie nur, was für ihre Gegenwart und Zukunft im weitesten Sinne Lebenswert hat, was ihnen und ihrer Klasse die Mittel gibt, die soziale Lage, unter der sie leiden, als geschichtlich geworden zu verstehen und durch ihre zukünftige Arbeit umzugestalten. Darum ist ihnen all das, was die Schule bietet, die den ganzen Unterricht unter dem Gesichtspunkt des sozialen Lebens der Gegenwart konzentriert, kein toter Stoff, mit dem man Berechtigungen erlangt, sondern alles wird leidenschaftlich ergriffen, aktiv bearbeitet und immerfort mit dem persönlichen Leben in Beziehung gebracht. Darum haben wir nicht eine methodische Arbeitsschule, sondern ein wirklich aktives geistiges Leben der Jugend; darum diese unbefangene Äußerung, die den Besucher frappiert.

Aus dem Milieu der Kinder wächst eigentlich auch die Organisation auf kollektivistischer Grundlage hervor. Denn das ist das Positive, was die Kinder mitbringen: der Glaube an die Macht kollektiver Arbeit und kollektiver Organisationen. Also steht hinter der einzelnen Arbeitsleistung ein Plan der Gesamt-Gemeinschaft der Schule, der unter Zusammenwirken der Lehrerschaft und der Schüler in gemeinsamen Konferenzen aufgebaut wird und jeder Klasse die Arbeitsleistung zuteilt. Also steht hinter dem Bericht des einzelnen Schülers der gemeinsame Arbeitsplan der Gruppe, der wieder jedem einzelnen nach seiner besonderen Befähigung seinen Arbeitsanteil an der Kollektivleistung zumißt. Also steht am Ende des. Jahres auch nicht die Prüfung des Direktors oder des Lehrers, die in der Zensur resultiert, sondern der Bericht jedes Schülers über die Ergebnisse seiner Arbeit, der Fachbericht der Klassengemeinschaft über die Ergebnisse in den einzelnen Fächern und schließlich die Gesamtausstellung, bei der die Klasse ihre sämtlichen Berichte und ihre sämtlichen Arbeiten der Kritik aller ändern Klassen darbietet. Die gegenseitige Kontrolle und das gegenseitige Helfen hebt die Schule auf ein höheres Niveau, als irgendeine autoritative Aufsicht es tun könnte.

Diese Organisation ist aber nur durchführbar, wenn sie getragen wird von einer einheitlichen Arbeitsgesinnung des Kollegiums in sachlicher Zusammenarbeit untereinander und mit den Eltern und Schülern. Darum reden wir in dieser Schule nicht von dem Direktor und dem Kollegium und den Schülern und den Eltern, sondern wir sagen: Wir! und meinen: unsre Schule als unser Werk!

Quelle und Bildnachweis
Radde, Gerd (Hrsg.): Festschrift für Fritz Karsen. Hrsg. im Auftrag des Freunde der Fritz-Karsen-Schule e.V., Berlin 1966.
Erstveröffentlichung in der Wochenschrift "Die Weltbühne", Nr. 18/1929, S. 670-872.

Hinweis
Die Rechtschreibung dieses Textes wurde in der Originalversion belassen und folgt deshalb nicht den seit 1. August 2006 geltenden Regeln.