Dienstag, 25. April 2017

Fritz Karsens pädagogische Tätigkeit in Europa und Amerika 1933—1951
Von Sonja Petra Karsen

Darf ich dem Bezirksamt Neukölln von Berlin, Herrn Frister, dem Stadtrat für Volksbildung, und Herrn Klein, dem Rektor der Fritz-Karsen-Schule, auf das herzlichste dafür danken, es mir möglich gemacht zu haben, dieser eindrucksvollen Gedenkfeier anläßlich des 80. Geburtstages meines Vaters beiwohnen zu dürfen. Es wird mir eine unvergeßliche Erinnerung bleiben, und ich wünschte, meine Eltern hätten diesen Tag miterleben können.

Obgleich mein Vater amerikanischer Staatsbürger geworden war und Amerika liebte, so waren die Jahre der Arbeit in Berlin die erfolgreichsten seines Lebens gewesen, und er kam wieder gern nach dem Krieg nach Berlin zurück, um an dem Wiederaufbau Deutschlands zu helfen. Bei seinem letzten Besuch in Berlin 1950 erklärte er: "Meine Tätigkeit in Berlin war die Zeit der größten Erlebnisse, die ich nicht vergessen kann."

Wie es Ihnen allen bekannt ist, wurde mein Vater als einer der ersten vom damaligen Kultusminister Rust im Februar 1933 von seinen sämtlichen Ämtern beurlaubt und später wegen, wie man damals sagte, politischer Unzuverlässigkeit entlassen. Mein Vater erkannte, daß es für uns nicht möglich sein würde, in Deutschland zu bleiben, und so verließen wir Deutschland am 28. Februar 1933, dem Tage, an dem der Reichstag brannte.

Die Schweiz nahm uns auf, und mein Vater betätigte sich schriftstellerisch, d.h. er schrieb für Schweizer Zeitungen, da andere Arbeit einem politischen Flüchtling untersagt war. Nach Fühlungnahme mit seinen Freunden in England und Frankreich und der finanziellen Unterstützung des Institutes für Sozialforschung und dessen Direktor, Professor Dr. Max Horkheimer, entschloß sich mein Vater, in Paris im Februar 1934 eine internationale Schule, die Ecole Nou-velle de Boulogne, zu gründen. Hilfreich zur Seite standen ihm zwei alte Freunde, Walter Damus und Karl Linke. Die Schule verdankte ihre Existenz dem französischen Unterrichtsministerium, welches den sonst selten erteilten Unterrichtserlaubnisschein ausgestellt hatte. Da die Schule sich an die französischen Unterrichtspläne halten mußte, warwegen der starren Stoffgebundenheit jegliche Reformarbeit unmöglich. Fritz Karsen gab daher 1936 diese Arbeit auf und nahm ein Angebot der kolumbianischen Regierung an, als Berater in allen Erziehungsfragen nach Bogota zu gehen. In den zwei Jahren in Südamerika entwickelte er Pläne für das ganze Erziehungswesen von Kolumbien. Unter anderem unterbreitete er der Regierung Projekte für die Escuela Normal Superior oder Lehrerausbildung und schlug vor, diese an die Universität als pädagogische Fakultät anzugliedern. Auch reorganisierte er die Lehrpläne der Universidad Nacional in Bogota und machte dann mit dem Architekten Rother den organischen Entwurf für die Universitätsstadt (Proyecto de la ciudad universitaria). Dieser Plan wurde mit wenigen Änderungen verwirklicht, und im Jahre 1949 wurde mein Vater noch einmal auf drei Monate eingeladen, um die Unterrichtspläne der Universidad Nacional zu revidieren.

Durch eine besondere Bestimmung wurde meinem Vater 1937 die kolumbianische Staatsbürgerschaft von Präsident Alfonso López Michelsen verliehen.

Mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand erneuerte mein Vater seinen Kontrakt auf zwei weitere Jahre nicht, sondern ging 1938 mit seiner Familie nach New York. Seit Beginn der Auswanderung hatte mein Vater versucht, nach Amerika zu kommen, einem Land, das er seit seinem ersten Besuch im Jahre 1927 sehr bewundert hatte. Fritz Karsen begann im Brooklyn College Vorlesungen über vergleichende Pädagogik zu halten, und bevor er im Jahre 1951 starb, hatte er auch am City College und Bryn Mawr College gelehrt.

Während des Krieges, als man wenig Lehrer ausbildete, stellte er seine Fachkenntnisse der amerikanischen Armee zur Verfügung und gab den Offizieren eine Einführung in die kulturellen, ökonomischen und politischen Verhältnisse von Deutschland und Frankreich. Von 1943 an bereitete er außerdem an der Spitze einer Arbeitsgemeinschaft von Historikern und Pädagogen für den Bermann-Fischer Verlag, der damals in New York war, ein Geschichtsbuch für deutsche Schulen vor. Dieses Lehrbuch, "Geschichte unserer Welt", erschien im Jahre 1947 und wurde in den Schulen der französischen Besatzungszone benutzt. Als Fritz Karsen gefragt wurde, ob man mit diesen Lehrbüchern die deutsche Mentalität umzuschulen vermöge, antwortete er, "daß sie nur einen Teil im Prozeß der Umerziehung Deutschlands darstellen können. Die innere Erneuerung Deutschlands wird vor allem von den Lebensbedingungen und der Arbeit im Nachkriegsdeutschland abhängen und von dem Antrieb, den diese für eine Wiedergeburt der verlorenen Menschlichkeit vorsehen."

Im Jahre 1946 ging mein Vater als Beauftragter für das Hochschulwesen bei der amerikanischen Militärregierung nach Deutschland zurück. Hier stellte er seine reichen Erfahrungen dem Wiederaufbau der Universitäten und Hochschulen zur Verfügung, nicht nur in der amerikanischen Zone, sondern auch in den anderen besetzten Teilen Deutschlands.

Man hat oft gefragt, warum mein Vater nicht in Deutschland geblieben, sondern im Jahre 1948 wieder nach Amerika zurückgekehrt sei. Die Antwort ist einfach: da er sich ständig Amerika gegenüber zu großem Dank verpflichtet fühlte. Es war Amerika, das meinem Vater ermöglicht hatte, wieder ein normales Leben zu führen, und ihm erlaubt hatte, mit der Vergangenheit fertig zu werden und neu zu beginnen. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben uns das Leben gerettet, und mein Vater hat es diesem Lande nie vergessen. Aus diesem Grunde und keinem anderen wollte er die amerikanische Staatsbürgerschaft nie wieder aufgeben. Im Jahre 1948 kehrte er an das Brooklyn College zurück. 1951 erhielt er einen Auftrag der Abteilung für Naturwissenschaftliche, Kulturelle und Erziehungsfragen der Vereinten Nationen (UNESCO), als Leiter einer Mission zum Studium aller Erziehungsfragen nach Ecuador zu gehen. Diese Arbeit, die ihn so sehr an seine 15 Jahre zurückliegende Tätigkeit in Kolumbien erinnerte, interessierte ihn ungeheuer, und trotz einer Warnung des Arztes ging mein Vater nach Ecuador. Hier fühlte er sich von Anfang an sehr wohl, und seine Pläne für eine Reform des Schul- und Universitätswesens fanden bei der Regierung großen Anklang. Leider konnten jedoch Fritz Karsens Ideen für die Erziehungsreformen einer in ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung gehemmten Bevölkerung nicht verwirklicht werden, da sein Leben bei der Überquerung des Guayasflusses in Guayaquil sehr plötzlich mitten in einem Gespräch mit einem Mitarbeiter am 25. August 1951 endete.

Zum Schluß meiner Bemerkungen möchte ich erwähnen, daß es meinen Vater mit Dankbarkeit erfüllt hätte, wenn er gesehen hätte, wie Sie durch die Arbeit, die Sie an der Fritz-Karsen-Schule leisten — der einzigen Schule in Berlin, die auf dem System der Einheitsschule aufgebaut ist —, ein lebendes Testament seiner Arbeit geschaffen haben, in dem seine pädagogischen Ideale weiterleben.

Nichts würde Fritz Karsen eine größere Freude gemacht haben, als zu erleben, daß es seinen Ideen vergönnt war, zur Gestaltung des neuen Schulwesens in Berlin beizutragen.

Quelle
Radde, Gerd (Hrsg.): Festschrift für Fritz Karsen. Hrsg. im Auftrag des Freunde der Fritz-Karsen-Schule e.V., Berlin 1966.

Hinweis
Die Rechtschreibung dieses Textes wurde in der Originalversion belassen und folgt deshalb nicht den seit 1. August 2006 geltenden Regeln.

Verweise
Über Sonja Petra Karsen: http://www.romanistinnen.de/frauen/karsen.html
Die Sonja Karsen Papers in der Princeton University Library: http://diglib.princeton.edu/ead/...