Freitag, 24. November 2017

Fachbereich Kunst Fritz-Karsen-Schule BerlinTransit Zone

Ein Kunst-Projekt von der Künstlerin Ricarda Schuh, mit der Künstlerin Bärbel Rothhaar und den Basiskursen Kunst der 11. Jahrgangsstufe von Susanne Thäsler-Wollenberg und Heinz Wolpert.

Kunstunterricht einmal anders! Die Frage "Was ist Kunst" stand am Anfang dieses mehrmonatigen Kunstprojektes. Wir begannen mit einem Wortspiel und stellten den Künsterinnen Aufgaben, um zu sehen, wie aus Worten Kunst werden kann. Die Ergebnisse durften wir uns in ihren Ateliers ansehen. Anschließend kamen die Künstlerinnen zu uns und arbeiteten mit uns in der Schule. In Gruppen entwickelten wir Konzepte, die uns zu eigenen Kunstwerken führten. Am Präsentationstag zeigten wir insgesamt 13 Installationen und Performances, die von der Schulöffentlichkeit besucht wurden. Viele Gästen stellten nun an uns die Frage "Ist das Kunst?" Im Abendblatt erschien ein längerer Artikel über unsser Projekt.

Intention und Ergebnis dieses interdisziplinären Kunst- und Vermittlungspprojektes bewertet Ricarda Schuh in einem Fazit folgendermaßen (Auszug):

Stichworte werden Kunstwerke

TransitZone startete mit einer Videobotschaft an die Schüler/innen, in der ich eine assoziative Wortspielaufgabe als Performance darbot. Bärbel Rothaar initiierte ein assoziatives Schreibspiel. Ziel war es, Stichworte zur künstlerischen Umsetzung zu erhalten. Die Ergebnisse wurden uns per Post zurück gesendet. Es folgte der Besuch der Jugendlichen in unseren Arbeitsräumen, in denen sie "live" einen professionellen Gestaltungsprozess auf der Grundlage ihrer Stichworte erlebten. Ein Risiko, das wir bewusst eingingen, war, nicht mit fertigen Umsetzungen aufzuwarten. Wenn wir den Prozess zur Kunst begreifbar machen wollen und Kunst auch für Schüler/innen als "machbar" erfahrbar machen wollen, müssen wir uns selbst der Situation des "öffentlichen Stammelns" aussetzen, wie es am Anfang eines jeden künstlerischen Prozesses der Fall ist. Dies ist gleichzeitig das Risiko, das wir anschließend den Jugendlichen zumuteten. Uns auf die gleiche Situation bewusst einzulassen, bewirkte später in der Begleitung der Jugendlichen eine hohe Sensibilität, Zurückhaltung und Ernsthaftigkeit.

In meinem Probenraum hatten Schüler/innen eine erste Berührung mit der Möglichkeit, über Bewegung und den Körper im Handeln etwas auszudrücken. Sie arbeiteten u.a. choreografisch über ihren Stichwortsatz: "Schwarz und Tränen sind Ausdruck von Trauer". Sie sahen meine Umsetzung des Satzes: "Nachts fand ich im Schlafwandeln Erfüllung." Im Treppenhaus des Ateliers von Bärbel Rothhaar hing ein Eisblock mit einem eingefrorenen roten Schuh über einer Wanne mit brennenden Kerzen. Schüler/innen erkannten ihre Stichworte "rot-Feuer-Eis" als Versuchsaufbau für die Frage: "Welche Kraft - Feuer oder Eis - wird gewinnen?" Die Stichworte "Elefantenrüssel-Afrika-sanftmütig" mündeten in einer performativen Aktion vor der Videokamera: Die Schüler/innen streiften sich farbige Strumpfhosen über die Arme und neckten sanftmütig mit den "Rüsseln" die im Afrika-Buch blätternde Künstlerin.

Mehr Bilder gibt es in unserer Fotogalerie zu sehen: Zur Galerie...

Fünf Aspekte, die wir als Erfolg werten

  • 1. Leben, Fragen und Werk: Wir vermittelten mit der Offenlegung eigener Kunstprozesse, dass die persönliche Arbeits- und Lebenswelt von Künstler/inne/n untrennbar mit ihren Werken verbunden ist. Die Prozesse und Arbeiten der Schüler/innen repräsentierten auf ästhetische Weise ihre Lebens- und Arbeitswelt, ihre Auseinandersetzung mit eigenen Werten und ihren Erfahrungshintergrund. Die Tiefe der Auseinandersetzung korrespondierte mit dem Mut, Persönliches preiszugeben.

  • 2. Poesie ist etwas, das durch die Straßen zieht (G. Lorca): Wir vermittelten mit unseren Interventionen in der Schule und der künstlerischen Bearbeitung der Stichworte, dass Kunst keinen besonderen Ort und keinen außergewöhnlichen Gegenstand braucht. "Besonders" definiert sich einzig durch die Hingabe des handelnden Künstlers. Der Lebens- und Arbeitsraum Schule kann Kunstraum sein. Alltag ist kunsttauglich.

  • 3. Spielen: Schüler erfuhren, dass Kunst machen auch Spielen ist. Spielen ist die erste Form des Forschens und Lernens, die Menschen in ihrem Leben praktizieren. Künstlerische Prozesse sind durchsetzt mit dem Spielen, das Werk "spielt" mit der Wahrnehmung. Im Mischen von Fundstücken und im Arrangieren ästhetischer Aspekte in der Gestaltung ist das Spiel dem künstlerischen Prozess immanent. Dies war gleichzeitig der lustvollste und ungewohnteste Aspekt für die Schüler/innen im Kontext Schule.

  • 4. Mit Hingabe Risiken eingehen: Schüler/innen erfuhren, dass die erstbeste Idee meistens zu "komfortabel" ist. Kunst machen (und Lernen !) bedeutet auch, persönliche Risiken einzugehen. Man muss Gewohnheiten aufbrechen und Bekanntes verlassen, um sie in eine ungewöhnliche ästhetische und kommunizierende Form zu transformieren. Dies ist mit Hingabe und Anstrengung verbunden, die nur durch ein "belastbares Interesse" (Motivation) zu bewältigen ist. Nur so kann eine besondere, noch nie da gewesene Perspektive auch für andere entstehen.

  • 5. Vielfalt: Es ist uns gelungen, den Balanceakt zwischen kompetenter Führung durch uns Erwachsene und der Freiheit der Schüler/innen zu bewältigen. Dies zeigt sich am stärksten in der ästhetischen Eigenständigkeit der entstandenen Werke. Das Gelingen offenbarte sich außerdem im produktiven Widerspruchsgeist, wenn wir Erwachsenen uns mit gut gemeinten Hilfestellungen nicht nah genug an ihren Vorhaben orientierten.

Fritz-Karsen-Schule

Performance von Frau Schuh im Schaukasten
Fritz-Karsen-Schule

Aufbau eines Kunstwerkes: Installation "Socken, Chaos, Ordnung" von Paul und Fabian
Fritz-Karsen-Schule

Evgenij und Allaa setzen sich einem zeitgenössischen Thema auseinander: "Geld-Gier-Geiz" In den Tüten sind Geldstücke und Zitate.

Fritz-Karsen-Schule Berlin